Aus der Traum

Ich liebte ihn schon, bevor ich ihn kannte, schreibt Esther in ihr Tagebuch. Was als romantische Schwärmerei für ihren neuen Deutschlehrer beginnt, läuft aus dem Ruder, als eine Mitschülerin von Esther tot aufgefunden wird – Lena, die schöne Lena, die sie noch nie leiden konnte, weil sie sich schon immer für etwas Besseres hielt. Esther trauert nicht um sie. Als ihr Deutschlehrer unter Verdacht gerät, etwas mit dem Tod von Lena zu tun zu haben, könnte Esther ihm ein Alibi geben. Aber sie schweigt ...

 

Leseprobe:

Esther verfolgte jede seiner Bewegungen, wie er den Kopf leicht neigte, skeptisch, als würde er seinen eigenen Gedanken nicht trauen, wie er den Arm anhob, um zu unterstreichen, dass auch er nicht allwissend war, wie er die randlose Brille auf seiner schmalen, knochigen Nase zurechtrückte und den Blick senkte.
„Und dann, so eingeschränkt er auch ist“, zitierte er aus dem kleinen, dünnen Buch, „hält er doch immer im Herzen das süße Gefühl der Freiheit, und dass er diesen Kerker verlassen kann, wann er will.“
Er blickte auf und sah Esther direkt in die Augen.
„Was meint Werther damit?“
Esther erschrak. So unvermittelt hatte er sie noch nie angeschaut. Sie wusste nichts zu antworten.
„Er meint das, was den Menschen vom Tier unterscheidet“, sagte Lena. Sie schlüpfte mit dem rechten Fuß aus ihrer schwarzen Riemchensandalette und ließ sie baumeln. Alle Blicke hefteten sich auf ihre ebenmäßigen Zehen mit den makellos hellrot lackierten Nägeln, auch Freibergs, aber nur kurz, dann neigte er wieder den Kopf. Ihn konnte Lena damit nicht beeindrucken, das hätte sie ihr gleich sagen können.
„Nämlich?“, hakte er interessiert nach.
Lena schüttelte ihre rotblonden Haare und knotete sie zum wiederholten Male zusammen. Es war ein sinnloses Unterfangen, denn der Knoten löste sich wenige Sekunden danach wieder auf und die krause Mähne fiel zurück um ihr schmales, blasses Gesicht. „Dass er die Freiheit hat, sich umzubringen“, sagte sie, „das meint er damit.“