Küsse im Anflug

Feline fühlt sich von allen verlassen. Chris ist mal wieder verknallt und fällt somit die nächsten Wochen als beste Freundin aus. Und Valentin ist ein Langweiler. Außerdem hat er einen schlechten Geschmack. Wie sonst lässt sich erklären, dass er mit dieser Lara rumzieht. Und dann fragt er sie, Feline, auch noch um Rat! Was glaubt er, wer sie ist? Sein bester Kumpel? Ja. Mist. Das ist sie. Dabei wollte sie genau das immer sein. Und genau das ist plötzlich ihr Problem. Aber wieso? Die Reise mit ihrer Mutter nach Mexiko zur Hochzeit ihres Onkels kommt Feline gerade recht, dann muss sie sich zwischen den beiden Turteltaubenpärchen in der Eisdiele oder am Elbstrand wenigstens nicht ständig als fünftes Rad am Wagen fühlen. Doch dann, über den Wolken, fast zehntausend Kilometer von zu Hause entfernt, begreift sie, was mit ihr los ist. Sie ist verliebt. In Valentin. Sie muss sofort zurück!

Leseprobe:

Ich vermisste Valentin. Ich vermisste ihn so unerwartet und so sehr, dass ich nicht wusste, wie ich es auch nur ein Minute länger aushalten sollte, fast zehntausend Kilometer von ihm entfernt im Flugzeug zu sitzen und mich mit jeder Sekunde, die verging, noch weiter von ihm zu entfernen.
„Ist alles in Ordnung?“, hörte ich Mama leise neben mir fragen.
Nein, nichts war in Ordnung, aber ich konnte Mama nicht sagen, was mit mir los war. Ich begriff es ja selbst nicht wirklich. Außerdem musste ich mich jetzt konzentrieren. Wieso vermisste ich Valentin? Ich hatte Valentin doch noch nie vermisst. Valentin war immer da gewesen. War der Grund Australien? Hatte ich mich schon so an Valentin gewöhnt, dass ich es mir nicht vorstellen konnte, ihn ein halbes Jahr nicht zu sehen? Ja, das wird es sein, sagte ich mir. Ich holte tief Luft.
„Linchen, was ist los?“
Mama klang besorgt. Ich schüttelte den Kopf, was so viel heißen sollte wie: mir geht es gut. Ich konnte jetzt keine Fragen gebrauchen, denn mir war flau. Mein Magen fühlte sich an wie in Watte gepackt, die Stiche verschwammen und breiteten sich zu einem wohligen Kribbeln in alle Richtungen aus. Ich hatte noch den frischen, leicht herben Duft seines Rasierwassers in der Nase. Ich sah ihn lächeln, wie er schon immer gelächelt hatte. Aber es war mir nie aufgefallen, dass er gut roch und dass mir sein Lächeln gefiel.
Ich öffnete die Augen und suchte die Zeile in meinem Roman, die ich zuletzt gelesen hatte. Lesen tat gut, denn lesen lenkte mich ab.
… doch an diesem Tag gestand ich es mir zum ersten Mal ein. Ob ich es wollte oder nicht, ob er es erwidern oder mich auslachen würde – es war, wie es war: Ich war verliebt!
Ein warmer, sanft prickelnder Schauer umhüllte mich in meinem engen Sitz. War das Zauberei? Träumte ich schon wieder? Da stand es schwarz auf weiß: Ich war verliebt. Ja. Ich war verliebt. In Valentin.
Wie konnte das passieren?
Nein, das war Unsinn, denn wenn man verliebt war, freute man sich. Aber ich freute mich nicht. Das wohlige Prickeln fiel von mir ab, und mit einem Schlag war ich sturzunglücklich.
Oder konnte man mit einem Schlag sturzunglücklich sein, wenn man sich gerade verliebt hatte? Wie gerne hätte ich diese Frage Mama gestellt, aber sie hätte sie mit tausend Fragen beantwortet. Außerdem war es mir irgendwie peinlich.
Ich dachte an unser Treffen am Fähranleger. Daran, wie Valentin mir erzählt hatte, dass er ein halbes Jahr nach Australien gehen könnte. Er hatte mich um Rat gefragt. Vielleicht hatte er hören wollen: Nein, bitte geh nicht! Stattdessen hatte ich gesagt, das sei keine schlechte Idee, ich blöde Sumpfkuh. …
Das durfte alles nicht wahr sein.
Oder doch?
Urplötzlich packte mich Zuversicht. …
Vielleicht war noch nicht alles verloren. Vielleicht konnte ich Valentin noch davon abbringen, nach Australien zu gehen.
In jedem Fall musste ich sofort zurück.
„Ich muss zurück!“, sagte ich.
Mama guckte mich von der Seite an wie jemanden, vor dem sie sich insgeheim fürchtete.
„Kein Witz und tut mir auch leid, aber ich muss sofort zurück“, bekräftigte ich, und ich sah Mama an, dass sie nicht an meiner Entschlossenheit zweifelte.
Sie nahm mir das Buch aus der Hand und überflog den Klappentext.
Ich seufzte. „Das hat mit dem Buch nichts zu tun.“
Mama nickte. „Gehst du oder soll ich?“
„Was denn?“, fragte ich ungeduldig.
„Den Piloten bitten umzukehren.“
Sie nahm mich nicht ernst, aber das konnte ich auch nicht von ihr verlangen, solange sie nicht wusste, warum ich dringend zurückmusste ...