Foulspiel

Eine Woche nach ihrem 16. Geburtstag ist Jenny der glücklichste Mensch der Welt. Sie hat sich in Marco verliebt, und er sich anscheinend auch in sie. Eine Woche später sitzt sie wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft, und ihr Anwalt glaubt ihr kein Wort. Immer wieder beteuert Jenny, dass sie mit dem Überfall auf Marcos Ex-Freundin nichts zu tun hat, doch die Indizienlage ist erdrückend: Ihre Fingerabdrücke auf der Waffe. Ihre Fingerabdrücke in der Wohnung des Opfers. Und sie hat kein Alibi. Dafür aber ein Motiv ...

Leseprobe:

Liebe Tina, antwortete sie ihr, es ist so viel passiert, ich weiß nicht mehr, wo ich aufgehört hab und wo ich wieder anfangen soll. Ich glaub, ich bin im Himmel. Und seit heute verstehe ich, warum Menschen aus Eifersucht töten. Ich bin eben fast verrückt geworden. Stell dir vor, ich dachte, er hat Rosen für eine andere gekauft. Und ja, es ist passiert! Ich habe mit Marco geschlafen! Ich muss dir das alles in Ruhe erzählen, nur an diesem Wochenende geht’s nicht. Hab Riesenstress mit meiner Mutter und bin abgehauen. Wohne jetzt bei ihm. Ich sag dir Bescheid. Nicht böse sein. J.

Jenny nickte zufrieden, klickte auf Später senden und sah von ihrem Notebook auf. Ein Abschleppwagen versperrte den Blick auf den Eingang. Und wieder dauerte es lange, bis sich das, was sich vor ihren Augen abspielte, zu einer Information in ihrem Gehirn zusammensetzte: Der rostrote Golf wurde abgeschleppt.
Jenny klappte ihr Notebook zu, steckte es in ihren Rucksack und rannte zum Fahrer des Abschleppwagens.
«Warten Sie! Nur fünf Minuten! Ich hole den Besitzer!»
Sie lief ins Krankenhaus und klopfte an die Scheibe der Pförtnerloge.
«Ilka Scholz! Wo liegt die? Schnell!»
Ohne aufzublicken, tippte die Frau in der Pförtnerloge den Namen in den Computer.
«Es ist dringend», versuchte Jenny die Suche zu beschleunigen. «Ihr Auto wird gerade abgeschleppt!»
Die Frau in der Pförtnerloge zog pikiert die Augenbrauen hoch. «Geschieht dem jungen Mann ganz recht. Der parkt hier schon seit Wochen wie ein Idiot.»
Jenny stutzte. «Seit Wochen?»
«Zimmer 315.»
Jenny zögerte. Die Frau sah sie fragend an.
Wieso seit Wochen? Verwechselte sie ihn? Jenny lief den Krankenhausflur entlang zu den Fahrstühlen. Vielleicht hatte die Frau sich verhört. Wenn die Zimmernummer nicht stimmte, war der Golf weg.
Im Flur hinter einer Glastür im dritten Stock hockte eine Krankenschwester und fegte Glasscherben zusammen. Jenny fragte sie nach Nummer 315. Die Krankenschwester deutete mit einer knappen Kopfbewegung auf die Tür schräg hinter sich.
Jenny hatte die Klinke schon in der Hand, als sie innehielt. Von innen drangen laute Stimmen und Satzfetzen.
«Versager!», schrie eine Frauenstimme.
Die Krankenschwester horchte auf und grinste Jenny an.
«... deine Schuld!», schrie die Frauenstimme.
Eine Männerstimme sagte leise etwas, aber Jenny konnte nicht erkennen, ob es wirklich Marco war. Nein, wahrscheinlich hatte ihr die Frau in der Pförtnerloge eine falsche Zimmernummer genannt.
«Bitte, wenn du in den Knast wandern willst ...», brüllte die Frauenstimme.
Wieder antwortete der Mann zu leise, als dass Jenny die Stimme erkennen konnte. Die Krankenschwester fegte immer langsamer. Es lagen schon eine Weile keine Scherben mehr auf dem Boden. Ganz offensichtlich lauschte sie.
«Mir doch egal, wie du das machst!», schrie die Frau.
Die Tür zum Zimmer 315 öffnete sich.
«Überfall doch ’ne Bank!», schrie sie.
Jenny wich zurück und drückte sich an die Wand neben der Tür. Marco trat aus dem Zimmer in den Flur. Die Tür knallte hinter ihm zu. Er drehte sich kurz zu der Krankenschwester um, die immer noch in der Hocke saß und hektisch unsichtbare Scherben zusammenfegte, dann ging er durch die Glastür zu den Fahrstühlen.
Jenny löste sich von der Wand. Die Satzfetzen der Frau in Zimmer 315 wirbelten durch ihren Kopf. Mechanisch ging sie Marco hinterher. Er stand vor den Fahrstühlen und wandte ihr den Rücken zu.
«Hallo, Marco», sagte Jenny zaghaft.

Kritiken:

Buchkultur Krimi Spezial 2004:
Die besten Krimis

Büchertipps für Lese-Kids, Mai 2004:
Dieser Krimi ist unglaublich spannend. (...) Ab 14 Jahren - sehr zu empfehlen!

ekz 5/04:
Lebensnah, packend, realistisch und rasant, wie die zutiefst verunsicherte Jenny aus einer fast alltäglichen Situation durch Missverständnisse, Lügen, falsche Interpretationen in ein albtraumhaftes Verbrechen quasi hineingesogen wird. Ein sehr guter Einstieg in die neue Reihe, den man nicht mehr aus der Hand legt - sicher ein Renner.

Hamburger Morgenpost, 19.4.04:
... frech, spannend und hautnah.

Mannheimer Morgen, 9.10.04:
... spannend und kurzweilig. Aber die Autorin hat ganz nebenbei noch mehr geleistet: Sie porträtiert eine moderne Mutter-Tochter-Beziehung, schildert eine Amour fou und erzählt vom Erwachsenwerden. Wenn das kein Volltreffer als Einstand ist und Lust auf mehr macht!

Jugendschriftenausschuss des BLLV, 24.1.05:
Ein Lob an die Autorin für ihre Sprache: ungekünstelt, wohl überlegt - einfach eine moderne Geschichte für Jugendliche in einer wirklich guten Sprache.

1000 und 1 Buch, 05/04:
Schnell und abwechslungsreich. Nicht tiefsinnig und doch nicht seicht. Realistisch und trotzdem bildhaft. Keineswegs sentimental, aber auch nicht gefühllos. Eine Stadtgeschichte. Eine Liebesgeschichte. Eine Mutter-Tochter-Geschichte. Eine Geschichte vom Erwachsenwerden. Und nicht zuletzt ein Krimi. In stimmigen Blitzlichtern erleben wir die Beziehung von Jenny und ihrer Mutter, das Lebensgefühl einer Alleinerzieherin, die Höhen und Tiefen einer ersten Liebe, die unerwartete Entdeckung eines Vaters und vieles mehr. Ein Krimi also, in dem die Auflösung des Kriminalfalles nur ein kleines und beinahe nebensächliches Teilchen einer überzeugenden Geschichte darstellt. Unterhaltung in bester Form. Nicht mehr und nicht weniger. Da bleiben keine Wünsche offen!